Was ist Linux? Was sind Brennnesseln?

An einer geheimen Kunstakademie in Stuttgart hat shrimp zwei Semester lang Kommunikationsdesign studiert. Aus ihren Erfahrungen ist der Open-Source Survival Guide für Kommunikationsdesigner*innen entstanden. Über freie Software, multimediale Projekte und Brennnesseln haben wir uns im August 2025 in ihrem Atelier unterhalten.

Open-Source Survival Guide | shrimp
Open-Source Survival Guide | shrimp

DK: Hallo shrimp! Was hat dich motiviert, einen Open-Source Survival Guide zu gestalten?

shrimp: Die Motivation war das ganze Semester Kommunikationsdesign. Als Aufgabe für den Typokurs1 mussten wir ein Zine2 zu einem Font machen. Ich habe den GNU Unifont3 ausgewählt, der open-source und free ist und musste dadurch keinen Font kaufen. Manche haben, glaube ich, sogar einen Font gekauft. Das Thema hat sich ergeben, weil ich das ganze Semester open-source gearbeitet habe.

DK: Ich weiß, dass du einen Adobe-Creative-Cloud-Kurs machen musstest. Wie hast du das gelöst, wahrscheinlich wolltest du die Software nicht kaufen?

shrimp: Wir hätten einen PC-Raum mit Adobe CC haben sollen, aber anscheinend waren alle PCs kaputt. OK, also gab es nur einen PC mit Adobe CC Lizenz für die ganze Klasse. Dann war die erste Frage „Hat jeder ein Laptop?“ und dann basically: „Ihr müsst Adobe selber kaufen.“

DK: Wie konntest du dann mitmachen, hast du Adobe an der Aka benutzt?

shrimp: Ich war nicht die einzige Person ohne. Eine Person hatte kein Laptop, ich hatte damals noch mein shitty Laptop.

DK: Was ist mit Affinity? Ich weiß, dass es Affinity-Lizenzen gibt.

shrimp: Ich weiß nicht, ob es überhaupt erwähnt wurde. Das war einfach out of the question.

shrimps' Projekt in Scribus
shrimps' Projekt in Scribus

DK: Ich gehe davon aus, das Linux-Lösungen allgemein out of the question sind.

shrimp: Was ist Linux?4

DK: Was ist Linux?

shrimp: Was ist Windows? Es ist kein Mac, uff uff uff.

DK: Ich weiß, dass du eigentlich andere Software nutzt, du schreibst darüber im Survival Guide. Wie haben die Leute, deine Professor*innen, darauf reagiert, dass du deine Projekte mit etwas anderem umgesetzt hast?

shrimp: Ich habe ein bisschen mit Affinity gearbeitet, was okay war. Ich dachte dann, ich kann mir auch die Open-Source-Programme anschauen und damit habe ich es dann durchgezogen. Die Lehrpersonen meinten, man kann arbeiten, womit man will, aber sie können uns dann nicht helfen. Das verstehe ich nicht, was ich vom Kurs mitgenommen habe, ist wie man Sachen gestaltet und das könnte man weniger softwarespezifisch machen. Ich glaube, manche Leute haben nicht mal wahrgenommen, dass ich nicht Adobe benutze.

Flyer für die Ausstellung Hotel Feuerbach | shrimp
Flyer für die Ausstellung Hotel Feuerbach | shrimp

DK: Gab es Schwierigkeiten, dass man nicht zusammen arbeiten konnte oder war es okay?

shrimp: Ne, also die Schwierigkeit war, dass ich kein WhatsApp habe.

DK: Wie hast du das gelöst?

shrimp: Ich habe die Handynummern von Personen, Anrufe, SMS, you know…

DK: Old timey, retro.

shrimp: Oder E-Mail sogar.

DK: Gab es etwas, was du nicht umsetzen konntest?

shrimp: Ne.

DK: Welche Arten von Projekten hast du gemacht?

shrimp: Ein Font, ein kleines Booklet mit Riso5, mit Krita6, paar Plakate mit Inkscape7 und Blender8, viel Digitales, Layout.

DK: Welches Projekt hat dir am meisten Spaß gemacht?

shrimp: Eine CD mit Riso-Booklet. Da habe ich Musik gemacht und 20 Seiten mit Riso gedruckt und gebunden.

DK: Erzähl’ ein bisschen, worum es geht in dem Album, in dem Booklet, was ist die Story?

CD mit Riso-Booklet | shrimp
CD mit Riso-Booklet | shrimp

shrimp: Unser Projekt hieß Musik zum Blättern und da mussten wir etwas zu Musik machen, es war ganz frei. Ich habe mich entschieden eine Graphic Novel zu machen und dazu einen Soundtrack. Es geht um kleine Aliens, die kommen auf einen neuen Planeten, es wird traurig, aber einer überlebt und findet eine neue Familie. Dazu gibt es einen Soundtrack auf einer CD.

DK: Was ist dein Plan nach diesem Semester? Möchtest du weiterhin digital arbeiten und Objekte kreieren oder möchtest du wieder hardcore Kunst machen? Gehst du wieder zurück zur Malerei und lässt dein Laptop zurück?

shrimp: Jetzt gehe ich wieder in meine Cave zurück. Ich will einfach Comic machen. Gerade mache ich ein Buch über Brennnesseln.

DK: Ah ja, stimmt, du machst ein Buch über Brennnesseln und du machst auch dein eigenes Papier.

Brennnesselpapier und -garn | shrimp
Brennnesselpapier und -garn | shrimp

shrimp: Für die Kapiteltrenner nutze ich Brennnessel, ich mache auch Stoff aus Brennnessel. Ich habe auch Farbe gemacht, Essen, Trinken, was auch immer. Ich mache alles, was man mit Brennnessel machen kann und habe auch viele Texte darüber geschrieben. Diese Pflanze ist for free da und man kann sie richtig vielfältig benutzten.

DK: Da ist ein bisschen die Parallele zwischen der Software, die du nutzt und den Werkstoffen, die du nutzt.

shrimp: Ja, ich mag eigentlich Sachen for free, das finde ich am besten. Zum Beispiel beim Survival Guide steht hinten, dass man die Texte und alles vervielfältigen darf und weiter drucken. Ich will nicht gatekeepen.

Brennnesselpapier | shrimp
Brennnesselpapier | shrimp

1 Typo(-Grafie): Gestaltung und Anordnung von Schriftzeichen
2 Häufig von Fans oder Subkulturen, oft mittels experimenteller Drucktechniken hergestellte Magazine in kleiner Auflage
3 https://unifoundry.com/unifont/
4 https://endof10.org/de/
5 Risographie: eine Art Siebdrucktechnik, bei der Risographen, große Scanner und Drucker, mit Druckfarbe auf Basis von Sojaöl Kopien in mittlerer Auflage herstellen können.
6 https://krita.org/de/features/
7 https://inkscape.org/de/
8 https://www.blender.org/features/

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